„Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes? Antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, daß man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es! Oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“
(Lukas 17,20-21)
Restaurantbesucher wissen es genau: Das kleine„Amuse-Geule“ ist noch lange nicht das exquisite Hauptmenü. Es ist lediglich die kleine, aber feine Kostprobe vom Können des Chefkochs höchstpersönlich. Konzertbesucher können gut erklären: Die Ouvertüre ist nur der Auftakt für das Werk, welches das Orchester in den nächsten Stunden zelebrieren wird. Und Stadionbesucher wissen: Der Vorkampf im Fliegengewicht ist eben nicht der Hauptkampf im Schwergewicht. Den entscheidenden „Fight“ liefern sich die Champions erst ganz zum Schluss.
Egal, ob Feinschmecker, Musikliebhaber oder Sportfanatiker, alle verbindet dann und wann diese einfache Gewissheit: „Das Beste kommt noch!“
„Das Beste kommt noch!“ Das gibt treffend wieder was Juden unter „Reich Gottes“ verstanden. Allen voran die Pharisäer lebten in der brennenden Erwartung, dass Gott seine Herrschaft sichtbar in dieser Welt verwirklichen würde. Der Auszug aus Ägypten, der Durchzug durchs Schilfmeer, der Einzug ins gelobte Land waren alles nur Vor-Zeichen dafür, dass Gott noch Größeres vorhatte. Sie wussten: „Das Beste kommt noch!“ Aber sie wussten nicht genau wann, wo – und wer überhaupt es sein würde, der dies alles verwirklichen könnte.
Die Pharisäer ahnten aber, dass ihre Frage mit dem Menschen zu tun hatte, der sie so in Atem hielt: Jesus von Nazareth. Also richten sie ihre Frage an ihn: „Wann kommt das Reich Gottes?“ Die Antwort von Jesus war eine doppelte. Einerseits: Das Reich Gottes ist noch nicht da. Es ist weder sichtbar, noch beobachtbar. Es ist verborgen. Andererseits: Das Reich Gottes ist da. Es liegt nicht nur vor ihnen, sondern ist schon jetzt mitten unter ihnen. Es ist hier und jetzt schon greifbare Realität!
Jesus beansprucht Schlüssel zur Frage nach dem Reich Gottes zu sein. Er, Jesus, ist nur Vorgeschmack auf das Beste, das noch kommt. Und doch ist er schon Vollgeschmack dessen, was Gott in seiner Güte den Menschen zubereiten kann. Er, Jesus, ist nur der Auftakt in Gottes weltumspannender Symphonie. Und doch ist er schon Gottes herrlicher Schlussakkord. Der große Prediger des Reiches Gottes, der hier in den Straßen Jerusalems steht, ist nur Vorkämpfer für Gottes Herrschaft. Und doch steht hier schon der Chef im Ring des Universums, der den Schwergewichten dieser Welt die Grenzen aufzeigen wird. Ja derjenige, der ihnen durch Kreuz und Auferstehung den krachenden „Knock-out“ versetzen wird.
Die Antwort von Jesus ist also voller Spannung! Eine Spannung, die zwischen diesen beiden Sätzen liegt: „Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann!“ und: „Siehe, dass Reich Gottes ist mitten unter euch!“
In einem Leben, dass sich auf diese Rede von Jesus, ist eines absolut sicher: Hochspannung! Christen haben allen Grund gespannt zu sein. Gespannt wie Feinschmecker auf das Hauptmenü, wie Konzertbesucher auf den Schlussakkord, wie Box-Fans auf den Hauptkampf.
Wer hätte mehr Grund gehabt an der der Rede vom angebrochenen Reich Gottes zu zweifeln als die Niederländerin Corrie ten Boom? In Ausschwitz wurde sie erbarmungslos gequält. Musste nicht gerade ihr die Predigt vom „Reich Gottes“ angesichts des „Dritten Reiches“ wie Hohn und Spott erscheinen? Im Gegenteil! Die Rede vom angebrochenen Reich Gottes wurde ihr zum Trost. Sie war viel mehr Bürgerin im – und Zeugin für das Reich Gottes dessen Vorgeschmack sie inmitten aller Qual erlebte. Von Corrie ten Boom stammt nämlich dieser treffende Glaubenssatz: „Freu dich, das Beste kommt noch!“ oder wie Gustav Heinemann es später formulieren sollte: „Die Herren diese Welt gehen, unser Herr kommt!“
Für das Evangelische Gemeindeblatt 2015