Der Wachmacher

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1,17-18)

Im zweiten Satz seiner 94. Sinfonie holt Joseph Haydn seine übersättigten Hörer in London mit einem Paukenschlag aus dem Tiefschlaf. Die Tatsache, dass der große Wachmacher bereits nach 16 Takten erfolgt, zeigt aber auch, dass es Haydn gar nicht nur darum ging seine Hörer aufzuwecken. Viel mehr ist die Paukenschlagsinfonie Zeichen einer neu gewonnen Freiheit des Komponisten. Haydn sah sich nicht länger als Erfüllungsgehilfe seiner Hörer und ihrer Erwartungen. Dort, wo normalerweise Pauken und Trompeten schweigen sollten, platzierte er jetzt die Überraschung. Und so trägt die Sinfonie im Englischen folgerichtig den Titel „The surprise“,  „Die Überraschung“.

Die Offenbarung des Johannes beginnt ganz ähnlich. Sie beginnt alles andere als zögerlich und leise. Sie beginnt auch ganz anders, als es die Lage der eingeschüchterten und verfolgten Gemeinden eigentlich zu erlauben scheint. Johannes setzt mit einem Paukenschlag ein. Das ist eine handfeste Überraschung für alle Sinne!

Johannes, der sich selbst in verzweifelter Lage befindet, erfährt spürbar die unüberwindbare Siegeskraft seines Herrn. Diese massive göttliche Gegenwart, die er erfährt, überwältigt ihn und wirft ihn zu Boden. Er spürt zugleich die liebevolle Hand seines auferstandenen Herrn auf sich und hört seine unverwechselbare Stimme: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige!“

Was für ein Paukenschlag! Johannes, der eigentlich von den politischen Mächten seiner Zeit in der Verbannung kaltgestellt werden sollte, wird zum entscheidenden Empfänger der Offenbarung. Die Gemeinde, die durch die Verbannung des Johannes kopflos gemacht werden sollte, wird bis heute durch diesen Paukenschlag wachgerüttelt und von der Freiheit, die Johannes im Zeugnis für den Herrn gewonnen hatte, motiviert.

Der allmächtige Gott gibt mit seiner Erscheinung, seinem Reden und den nun folgenden Einblicken in das große Finale der Weltgeschichte seinem Mitarbeiter Johannes Mund und Stimme ohnegleichen.

Der Paukenschlag zu Beginn zeigt auch: Die Machtfrage ist jetzt schon eindeutig geklärt! Alle Machtkämpfe der Geschichte werden genauso ausgehen wie das Duell zwischen Jesus und dem Tod. Die Aussage über Auferstehung von Jesus gleich zu Beginn steht in Verbindung mit der Zielaussage der ganzen Offenbarung: Jesus ist Herr aller Mächte und Gewalten!

So wird die Jesus-Gemeinde aller Zeiten zutreffend gerüstet, um auch das finale Wegstück hellwach, ohne Angst und klar orientiert zu durchschreiten. Aufgerichtet von Hand der unüberwindbaren Schlüsselfigur – Jesus Christus – ist nichts mehr unmöglich. Je mehr das „Gethsemane“ und „Golgatha“ seiner Gemeinde anbricht, desto näher ist auch der letzte Ostermorgen der Weltgeschichte.

Der leidgeprüfte Theologe und Pädagoge, Karl Bernhard Garve, gießt schon 1825 mit seinem herrlichen Choral „Stark ist meines Jesu Hand“ die grundlegende Gewissheit der Johannesoffenbarung kompakt in schönste Reimform. Ein sehr alltagstauglicher und einprägsamer Wachmacher zum Mitnehmen auf jeden Weg, egal wie dieser auch aussehen mag:

„Seiner Hand entreißt mich nichts! Wer will diesen Trost mir rauben? Mein Erbarmer selbst verspricht’s; Soll ich seinem Wort nicht glauben? Jesus lässt mich ewig nicht, das ist meine Zuversicht!“

 

Gebet

 

Stark ist meines Jesu Hand,

und er wird mich ewig fassen,

hat zu viel an mich gewandt,

um mich wieder loszulassen.

Mein Erbarmer lässt mich nicht;

Das ist meine Zuversicht.

 

(Karl Bernhard Garve, in EG 617)

 

Impuls für das Evangelische Gemeindeblatt in Württemberg 2018

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