White out

Meine beiden älteren Brüder sind leidenschaftliche Bergsteiger. Einmal berichteten sie, wie sie an der 4.500 Meter hohen Signalkuppe des Monte Rosa Massivs in den Walliser Alpen unterwegs waren. Dort oben hatten sie nicht einen „Blackout“, sondern plötzlich einen „Whiteout“. Das heißt sie wussten nicht mehr, wo oben und unten ist. Warum? Es war alles weiß. Der bedeckte Himmel, der weiße Nebel und der schneeweiße Schnee. Alles weiß! „Whiteout“: Beklemmung und Angst löst das aus und die Frage: Wohin? Der Versuch zweier Bergsteiger Ruhe zu bewahren in 4.000 Meter Höhe. Einer meiner Brüder tat intuitiv das Richtige: Er nahm Kompass und Karte in die Hand und machte den Vorstieg und mein Bruder stieg in seine Fußstapfen und so erreichten sie – Gott sei Dank – die Hütte unterhalb des Gipfels.

Wie oft geht es uns so wie Bergsteigern im „Whiteout“? 

Wie oft löst die weiße Wand von Chaos, Leid, Not und ungelösten Fragen Orientierungslosigkeit, Angst und Beklemmung in uns aus.

Wohin um alles in der Welt sollen wir denn gehen? Ist hier irgendwo eine Spur?

Petrus schreibt der Gemeinde eine sehr beachtliche Briefzeile:

„Denn dazu seid ihr berufen, da auch Christus gelitten hat für euch und euch ein Vorbild hinterlassen hat, dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;“

(1. Petrus 2,21)

Einer hat für uns den Vorstieg gemacht, dass wir im „Whiteout“ einer gefallenen, von Gott ab-gefallenen Welt noch mehr, noch näher, noch genauer an die Fußspuren des leidenden Jesus Christus heranrücken können. „Denn dazu seid ihr berufen“, sagt Petrus!

Also, intuitiv das Richtige zu tun. Dem Vorbild folgen. In seine Fußstapfen treten. Noch mehr auf das Trittsiegel des Mensch gewordenen Gottes achten. Mit dem Kompass der Heiligen Schrift in der Hand und der Karte seiner wegweisenden Versprechen nicht stehenzubleiben vor der „weißen Wand“, die uns den Mut nehmen will, sondern weiterzugehen in die Zukunft.

Dass wir dann nichts tun, als nur dieser Spur des Jesus Christus zu folgen.

Nichts anderes zu wollen, als nur unseren Fuß in seine Fußstapfen zu setzen, um so eines zu gewinnen: Orientierung im „Whiteout“ des undurchsichtigen Lebenschaos unserer Zeit und Welt!

Naturliebhaber entschließen sich zuweilen dazu einer Tier-Spur zu folgen. Schritt für Schritt. Sie haben keine Garantie, dass sie diese Spur zum Ziel führt. Zum Bau oder zum Nest des Tieres oder sogar zum Tier selbst. Tierspuren brechen ja oft irgendwo unvermittelt ab. Vom Winde verweht, verliert sich die Spur auf Feld, Wald oder Wiese!

Der Petrusbrief sagt etwas total anderes aus.

Er bezeugt: Gottes Spur bricht nicht ab! Diese Spur bricht nicht ab im Niemandsland. Sie brach nicht ab, selbst dort, als wir dachten, dass sie abgebrochen war. Die Frauen mit ihren Gefäßen folgten am Morgen noch einmal der Spur ihres Herrn. Der Spur zum Grab. Dorthin, wo die Spur ihres Herrn so brutal abgebrochen war, aber was sie entdecken war etwas anderes: Die Spur setzt sich fort! Sie ist nicht vom Winde verweht. Sie ist nicht von der Verzweiflung ausgelöscht. Sie setzt sich fort zurück ins Leben.

Und diese Spurenentdecker des Neuen Testaments, allen voran Petrus selbst, finden hinein in die unbändige Freude, sie finden zurück in die Begeisterung, sie finden zurück zu ihrem Glauben, sie finden zurück zu ihrem Lebensmut, sie finden zurück zum starken Zeugnis für den Herrn! Unser Herr segne auch uns dazu!

 

Editorial für den Gemeindebrief der Evangelischen Kirchengemeinde Hegnach

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