Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ (Psalm 42, 2)
Ein Mann aus unserer Gemeinde ist leidenschaftlicher Jäger. Einmal lud er mich ein, mitzukommen auf seinen Hochsitz. Mit Fernglas, Flinte und Hut saßen wir stundenlang mitten im Wald. Ich erinnere mich, wie ein brütend heißer Sommertag zu Ende ging. Die ganze Natur dürstete sichtbar nach Wasser.
Wir haben in diesen Stunden ungeheuer viel erlebt. Nur eines hat uns gefehlt:
Das Lechzen eines Hirsches nach frischem Wasser! Es war still im Wald.
Hier lechzen die Hirsche nicht. Oder? Röhren sie leise oder lechzen sie laut? Ich nehme an: weder noch!
Haben wir nicht gelernt, die „Stillen im Lande“ zu sein? Haben wir nicht gelernt, Tiefschläge wegzustecken, ohne in ein Lechzen nach Gott auszubrechen? „Lerne leiden, ohne zu lechzen“. Und so geht es ganz religiös korrekt zu zwischen uns und Gott! Wann aber hat unsere Seele das letzte Mal nach Gott gelechzt und geschrien: „Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“
Müssten wir uns auf unserer Konferenz heute nicht viel eher wie der Getränkehersteller Liptonice auf die eiskalte Suche nach einem Wort machen, dass das Gegenteil von Durst beschreibt? Denn wer nicht mehr hungrig ist, ist satt. – Aber was ist jemand, der nicht mehr durstig ist?
Ein Teenager aus Ludwigsburg hatte das passende Wort parat: Wer nicht mehr durstig ist, der ist „sitt“. Nicht sattgetrunken und auch nicht antidurstig, gecoked und auch nicht liptoniced, sondern sitt. Einfach sitt. So steht dieses kleine Kunstwort jetzt im Duden.
Das sensationelle am Beter des 42. Psalm ist: er ist nicht sitt. Sein tierischer Schrei zerreißt die religiös wohltemperierte Stille. Er lechzt! Er lechzt nach Gott! Er pfeift auf ein Kunstwort, dass das Gegenteil von Durst beschreibt!
Er ist nicht Gott-sitt, denn er will Gottes Angesicht schauen. Er ist nicht Gebets-sitt, denn seine Seele schreit zu ihm Tag und Nacht. Er ist nicht Gottesdienst-sitt, denn er will wallen zum Hause Gottes. Er ist auch nicht Gemeinde-sitt, denn er will zur Schar derer gehören, die da feiern.
Gratulation all denen, die schon einen Hirsch – und sich selbst nach Gott – haben lechzen hören! Gratulation all denen, die in ihrem Glaubenswortschatz kein Wort für das Gegenteil von Durst brauchen. Gratulation all denen, die geistlich durstig geblieben sind!
Für die Hülbener Kirchweihmontagskonferenz 2015