Auf dem Prüfstand

„Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir! Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ (Matthäus 26, 37-39)

Bevor ein Fahrzeug auf die Straße kommt, kommt es auf den Prüfstand. Die Automobil-Ingenieure sprechen von der „Marter mit Methode“. Sie schicken ihre Prototypen über Naturstraßen im Norden Norwegens und quälen Karosserie und Fahrwerk stundenlang mit Schotter und Schlaglöchern in klirrender Kälte. Auf den Passstraßen des Großglockner und am Stilfser Joch müssen die Bremsanlagen der besten Automobile der Welt extremen Dauerbelastungen standhalten. Die Ingenieure schicken ihre „Schützlinge“ auch in eigens dafür eingerichtete „Proving Grounds“.  Das  sind „automobile Folterkammern“ mit Kreisbahn, Handlingkurs, Schotterpiste, Rüttelstrecke und vielem anderen mehr. Alles dekoriert mit viel Gestrüpp, stachligen Prärieblumen und mit Klapperschlangen als Zugabe für die Testfahrer.

Der Evangelist Matthäus geht mit uns hinein in den „Proving Ground“ namens Gethsemane. So viel Zeit hatten sie in das gemeinsame Projekt investiert, so viel durchdacht, so viel erprobt, so viel erlebt, so viel geschafft. Und jetzt? Jetzt kam noch einmal alles, aber auch wirklich alles auf den Prüfstand. Nicht nur für Jesus, sondern auch für seine engsten Freunde.

Matthäus zeigt uns hier die härtesten Stunden im Leben von Jesus. Er zeigt uns seinen heftigsten Kampf aus nächster Nähe. Er zeigt uns, wie Jesus vom Bösen durchgeschüttelt wird. Er zeigt uns sein Zittern, sein Zagen, seine Tränen, seine brutale Angst. Im Zentrum des Geschehens steht die flehentliche Bitte von Jesus einen anderen Weg gehen zu können. Es kommt anders. Hier auf dem Prüfstand offenbart sich alles. Die Stärke des Meisters, aber auch die Anfälligkeiten der Schüler.

Jesus offenbart, was es heißt sich der Prüfung zu stellen und in intensivem Gebet die Entschlossenheit für einen Weg im Einklang mit Gottes Willen zu erringen. Die Jünger stattdessen offenbaren, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist. Schon die nächtliche Müdigkeit bringt sie gefährlich ins Schleudern. Sie nicken mehrfach ein und dösen weg. So verschlafen und  verraten sie direkt nach dem Abendmahl den Auftrag ihres Herrn, noch bevor es Judas es schließlich endgültig tun konnte.

Das sind Stunden auf dem Prüfstand, in denen noch einmal alles, aber auch wirklich alles auf den Kopf gestellt und vieles zur Disposition steht. Das sind dramatische Stunden. Das sind ehrliche Stunden. Das sind wichtige Stunden. Das sind Lehr-stunden unseres Herrn. Das sind Lern-stunden für seine Schüler bis heute.

Diese Stunden auf dem Prüfstand sind kein Zufall und kein Unfall. Sie sind schlichter Teil des Weges, den Gott mit uns geht. Wir sollen uns auf solche Stunden der Prüfung einstellen. Oder dachten wir Glaube bewähre sich in den frommen Konferenzzentren bei weichem Bett, gefülltem Teller und guter Unterhaltung mit viel christlicher Prominenz? Wie man es auch dreht und wendet: Glaube kommt immer auf den Prüfstand. Und er bewährt sich in Gethsemane.  Auch unser Glaube. Und wenn hierzulande das Ausschlafen tatsächlich immer wieder aufs Neue mit dem Gottesdienstbesuch der Ortsgemeinde  konkurriert, brauchen wir am Sonntag Reminiscere (Gedenke!) wieder die deutliche Erinnerung: „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“ Ja, bevor ein Fahrzeug auf die Straße kommt, kommt es auf den Prüfstand. Und bevor ein Jünger den himmlischen Garten erwartet, erwartet ihn der Garten Gethsemane. Die Stunden auf dem Prüfstand enden für die Jünger abrupt mit der Frage ihres Herrn: „Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen?“

Johann Albrecht Bengel kommentiert die Worte Jesu in seinem „Gnomon“ so:

„Es ist keine Ironie; sondern er will sagen: wollt ihr mich nicht hören, so werden bald Andere da sein, die euch wecken werden. Schlafet nur fort, wenn ihr meint, dass Zeit dazu sei.“

Für das Evangelische Gemeindeblatt in Württemberg 2022

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