„Ilsebill salzte nach“, ist der erste Satz in Günther Grass‘ Roman „Der Butt“. Nach Ansicht einer fachkundigen Jury der schönste erste Satz in der ganzen deutschsprachigen Literatur. Keine anderen drei Wörter könnten so viel Lust auf das Weiterlesen wecken. Dieser erste Satz lade geradezu ein, die folgenden 700 Seiten des Romans mit Genuss zu verschlingen, so die Begründung der Literaturexperten.
Der erste Satz ist wichtig. Ein guter erster Satz entscheidet oft darüber, ob wir ein Buch weiterlesen, uns auf eine Geschichte einlassen oder einem Menschen unsere Aufmerksamkeit schenken.
Um so mehr staune ich über den ersten Satz, den Jesus seinen Hörern im Norden Israels sagt:
„Tut Buße!“ Das ist sein erster Satz. So fängt Jesus an. Im griechischen Ursprungstext ist es nicht einmal ein Satz, sondern nur ein Wort: „metanoeite“. Das heißt: Kehrt um. Ändert die Lebensrichtung. Richtet euer Leben auf Gott aus. Es ist nicht einmal ein neuer Satz. Johannes der Täufer hatte ihn ja schon ausgesprochen: „Tut Buße!“ Das ist der erstaunliche erste Satz der Verkündigung des Jesus aus Nazareth.
Aber, ist das nicht unbarmherzig so einzusteigen? Ist das nicht lieblos seine Hörer gleich am Anfang zum Wechsel der Lebensrichtung aufzufordern? Hätte man nicht auch freundlicher beginnen können? Und sagen nicht schon die Regeln der antiken Redekunst, dass die Rede vielmehr mit einer captatio benevolentiae, also mit einem „Erhaschen des Wohlwollens“ zu beginnen sei?
Jesus beginnt anders. Aus Liebe zu seinen Hörern damals und aus Liebe zu uns heute stellt er das Wichtigste an den Anfang. Nichts wäre nämlich unbarmherziger als die ganze Wahrheit zu verschweigen. Nichts wäre liebloser, als die Wahrheit auf dem Altar der Beliebtheit zu opfern. Deshalb ruft er zur Buße. Und Buße tun heißt: „Umkehren in die offenen Arme Gottes.“
Wer das tut, kommt auf die richtige Spur. So werden die Weichen gestellt für ein Leben in der Gemeinschaft mit Gott. So fährt der Lebenszug fortan nicht mehr wie auf Schienen weiter in die schreckliche Gottesferne, sondern dessen Lebenszug kommt auf das Gleis, das zum Zielbahnhof der Gottesgegenwart führt.
„Tut Buße!“ Das ist ganz sicher kein bequemer erster Satz. Es ist deshalb auch kein Satz, zum Stehenbleiben, sondern viel eher zum Weiterlesen. Es ist ein Umkehrruf, der uns gerade wegen seiner Sperrigkeit Geschmack machen soll weiterzulesen, um den Rest der Guten Nachricht für uns zu entdecken.
Für die Südwestpresse 2011